Bedeutung der Bioökonomie in den Revieren



Der Strukturwandel im Lausitzer und Mitteldeutschen Revier bietet die Chance, attraktive, bioökonomische Wirtschaftsstandorte zu entwickeln. Anknüpfend an den schon bestehenden Strategien und Stärken der biobasierten Wirtschaft in den Regionen sollen Wertschöpfungsketten verlängert, vernetzt und aufgebaut werden.

Im direkten Vergleich der Reviere finden sich derzeit direkter formulierte Ansätze zur Förderung der Bioökonomie in Mitteldeutschland. Dies liegt nicht zuletzt an inhaltlichen Schwerpunktsetzungen Sachsen-Anhalts sowie der durch den Spitzencluster BioEconomy vorangetriebenen Strukturbildung. Entsprechend überrascht es nicht, dass auch die volkswirtschaftliche Bedeutung der biobasierten Wirtschaft in Sachsen-Anhalt groß ist. So sind im Jahr 2018 max. 10,4 % aller Beschäftigten, 16,5 % aller Unternehmen sowie 16,4 % des Gesamtumsatzes in Sachsen-Anhalt Branchen der biobasierten Wirtschaft zuzuordnen. Insgesamt zeigt sich, dass die biobasierte Wirtschaft im Vergleich zur Bundesrepublik in allen Untersuchungsregionen von großer Bedeutung ist. Das lässt auf eine starke bioökonomische Basis in den Revieren schließen – und untermauert ihre Eignung für die Entwicklung von Modellregionen der Bioökonomie.

Strategien zur Entwicklung der Bioökonomie in den Revieren

Inwiefern ist die Bioökonomie bereits Teil regionaler Entwicklungsstrategien für das Lausitzer und das Mitteldeutsche Revier? Welche Ansätze lassen sich diesbezüglich identifizieren?

Diese Fragen lassen sich mit einem Blick auf die umwelt- und klima-, wirtschafts-, energie- sowie forschungs- und innovationspolitischen Schwerpunkte relevanter Strategiedokumente beantworten. In diesen Strategiedokumenten finden sich teilweise Ansätze, die eine dezidierte Förderung der Bioökonomie und deren Handlungsfelder verfolgen. Die Bioökonomie wird darin explizit erwähnt und als zentrale Entwicklungsperspektive anerkannt. Beispiele expliziter Ansätze zur Förderung der Bioökonomie Ebene sind auf übergeordneter Ebene die Nationale Bioökonomiestrategie der Bundesregierung sowie regional der Mitteldeutsche Spitzencluster BioEconomy. Implizite Ansätze der Strategien stellen indirekte Bezüge zur Bioökonomie her, beispielsweise durch Fokussierung auf spezifische Bereiche der Land- und Forstwirtschaft, Ernährungswirtschaft, Bioenergie etc. Die Bioökonomie wird in diesen Politikansätzen und Strategien jedoch nicht namentlich adressiert.[a]


Lausitzer Revier: Die Bioökonomie wird als ein möglicher Entwicklungspfad wahrgenommen

Für die Lausitz existiert eine Vielzahl an Entwicklungsstrategien, die als Orientierungspunkte und Leitplanken künftiger Entwicklungsprozesse dienen. Formuliert wurden diese sowohl von regionalen als auch überregionalen Akteuren. Ein wesentliches Leitthema der Strategien knüpft an das Selbstverständnis der Lausitz als Energie- und Industrieregion an.[1Sie verfolgen das Ziel, den Charakter der Lausitz als diversifizierten Wirtschafts- und Industriestandort zu erhalten und damit verbundene Innovationspotenziale zu stärken.[2] [3] Historisch gewachsene Schwerpunkte der Strategien sind die Bereiche Energie, Metall, Tourismus und Ernährungswirtschaft. Aufgrund ihres Querschnittscharakters kann die Bioökonomie hier einen wichtigen Beitrag zum Auf- und Ausbau zukunftsweisender Wertschöpfungszusammenhänge leisten. Sie wird in bestehenden Strategiepapieren und anvisierten Entwicklungspfaden jedoch bislang nur selten explizit adressiert. Zwischen den Strategien und den darin priorisierten Branchen sowie der Bioökonomie ergeben sich bei näherer Betrachtung allerdings zahlreiche Schnittmengen. Gerade im Kontext jüngerer Strategieprozesse, und insbesondere im Rahmen regionaler Initiativen, wird die Bioökonomie verstärkt als ein möglicher Entwicklungspfad wahrgenommen (z.B. Sächsische Innovationsstrategie 2020, Lausitzcluster Bioökonomie/Ressourceneffizienz; WIR!-Bündnisse). In den anstehenden Transformationsprozessen der Lausitz kann die Bioökonomie somit durchaus eine tragende Säule werden. Aus dieser Dynamik ergibt sich zudem das Potenzial, die Entwicklung der Bioökonomie in der Region durch spezifische Initiativen und Aktivitäten voranzutreiben und darüber aktiv zur Strukturentwicklung beizutragen.


» Download: Entwicklungsstrategien im Lausitzer Revier und Bezüge zur Bioökonomie [PDF]


Mitteldeutsches Revier: Die Bioökonomie ist als Entwicklungspfad fest etabliert

Im Vergleich zum Lausitzer Revier zeigen die Analysen explizite Ansätze zur Förderung der Bioökonomie im Mitteldeutschen Revier. Eine Vorreiterrolle ist insbesondere für Aktivitäten des Landes Sachsen-Anhalt herauszustellen. In Sachsen-Anhalt wird die Bioökonomie – anknüpfend an bestehende Kompetenzen und Strukturen in den Bereichen Chemie, Kunststoff und Ernährungswirtschaft – direkt als Entwicklungspfad verfolgt. Bereits in der Regionalen Innovationsstrategie des Landes aus dem Jahr 2014 nimmt die Bioökonomie eine zentrale Stellung ein. Eine weitere strategische Forcierung und inhaltliche Schärfung erfolgt derzeit durch ein entsprechendes Strategiepapier.

Die strategische Entwicklung der biobasierten Wirtschaft bezieht sich jedoch nicht allein auf Sachsen-Anhalt. Sie entfaltet im Kontext des Mitteldeutschen Reviers grenzübergreifende Wirkung. Seit 2012 sind Sachsen-Anhalt und Sachsen Schwerpunktregionen des Spitzenclusters BioEconomy. Ausgehend von dieser Clusterinitiative haben sich umfassende Strukturen gebildet: Netzwerke und Intermediäre (z.B. aktuelle WIR!-Vorhaben), wirtschaftliche Strukturen (z.B. Bioraffinerien, Industrieansiedlungen, Demonstrationsanlagen, etc.) und wissenschaftliche Kompetenzen (z.B. Leibniz-WissenschaftsCampus Pflanzenbasierte Bioökonomie in Halle). Neben der Bioökonomie existieren für das Mitteldeutsche Revier auf (über-) regionaler Ebene weitere, branchenbezogene Entwicklungsansätze (z.B. Chemie und Kunststoffe, Maschinen- und Anlagenbau, Ernährungswirtschaft, Mobilität, Gesundheit, Tourismus). Die Bioökonomie bildet in diesem Geflecht einen gleichwertigen und mit den übrigen Schwerpunkten vielfach verwobenen Pfad. An diese Strukturen lässt sich mit zielgerichteten Initiativen und Aktivitäten effektiv anknüpfen.


» Download: Entwicklungsstrategien im Mitteldeutschen Revier und Bezüge zur Bioökonomie [PDF]


Mitteldeutsches Revier mit Vorreiterrolle

Die Analysen machen deutlich, dass in beiden Revieren zahlreiche Entwicklungsstrategien existieren, die sowohl explizit als auch implizite Bezüge zur Bioökonomie herstellen. Im direkten Vergleich sind die Ansätze zur Förderung der Bioökonomie im Mitteldeutschen Revier expliziter formuliert und bereits seit geraumer Zeit etablierter Bestandteil der Strategien zur regionalen Entwicklung. Dies liegt nicht zuletzt an den intensiven Bestrebungen Sachsen-Anhalts sowie der vom Spitzencluster BioEconomy vorangetriebenen Strukturbildung. Diesbezüglich kann dem Mitteldeutschen Revier eine Vorreiterrolle und ein Strategievorsprung zugeschrieben werden – dies betrifft den regionalen Vergleich mit dem Lausitzer Revier, ebenso wie die überregionale und nationale Stellung der Region.


» Download: Regionalentwicklungsstrategien und ihre Bezüge zur Bioökonomie [Grafik]


Regionalisiertes Monitoring

Welche volkswirtschaftliche Bedeutung kommt der biobasierten Wirtschaft zu und wie entwickelt sie sich in den Regionen? Um bewerten zu können, ob und in welchen Bereichen sich die Bioökonomie verändert, ist ein regionalisiertes Monitoring, das den Transformationsprozess hin zu einer biobasierten Wirtschaftsweise misst und einordnet, wichtig. Auf Basis der Ergebnisse lassen sich Fokusbranchen und Wertschöpfungspotenziale innerhalb der Reviere identifizieren. Dazu wurde in einem ersten Schritt der Umfang der biobasierten Wirtschaft auf Länderebene bestimmt. Detaillierte regionale Ergebnisse für die einzelnen Landkreise der Reviere folgen voraussichtlich im ersten Halbjahr 2021.


Um die Bedeutung der biobasierten Wirtschaft beschreiben zu können, wird ihr Umfang auf Basis der Wirtschaftszweigklassifikation (2008) ermittelt. In Anlehnung an bisherige Studien[4] [5] [6] [7] [8werden dazu die biobasierten Anteile der jeweiligen Wirtschaftszweigklasse mit der gewählten Indikatorgröße (z.B.: Beschäftigung, Umsatz) multipliziert. Zu unterscheiden sind hierbei Wirtschaftszweige, die nur biologische Ressourcen und deren Produkte herstellen, be-/ verarbeiten, nutzen oder damit handeln und somit der Bioökonomie direkt zugeordnet werden können (primärer Sektor, Produktion von Lebensmitteln, Leder, Holzwaren, Papier etc.) und hybride Sektoren, die nicht vollständig biobasiert sind (Abfallwirtschaft, Chemie, Pharmazie, Tourismus etc.).

Indikatorwerte von Wirtschaftszweigen, die komplett der Bioökonomie zugeordnet werden können, gehen in Gänze in die Kalkulation ein. Die Werte hybrider Sektoren gehen entsprechend ihres biobasierten Beitrags nur anteilig ein.[a] Abschließend werden die Indikatorwerte über alle Wirtschaftszweige hinweg aufsummiert und als Anteil an der Gesamtwirtschaft dargestellt.[b]


Die Untersuchungsregionen verfügen über eine starke bioökonomische Basis


» Download: Anteil der Bioökonomie an: Unternehmen [PNG | PDF], Beschäftigung [PNG | PDF] und Umsatz [PNG | PDF] 2018; [Daten]


Zur Beschreibung der volkswirtschaftlichen Bedeutung der biobasierten Wirtschaft wurden drei zentrale Wirtschaftsindikatoren ausgewählt: die Unternehmensanzahl, die Anzahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten sowie der Umsatz.[c] Die Ergebnisse der Analysen machen deutlich, dass die biobasierte Wirtschaft im Vergleich zur Bundesrepublik in den betrachteten Ländern eine große Bedeutung hat. So gehören der Bioökonomie im Jahr 2018 zwischen 8.000 (Thüringen) und knapp 20.000 (Sachsen) Unternehmen an. Im Hinblick auf die Beschäftigung sind knapp 90.000 Menschen in Brandenburg (etwa 10,5 % aller Beschäftigten) Branchen der biobasierten Wirtschaft zuzuordnen. Im Freistaat Sachsen arbeiten mit gut 160.000 Personen sogar fast doppelt so viele Menschen im Bereich der Bioökonomie. Allerdings entspricht dies nur einem Anteil von 10 % aller Beschäftigten des Freistaates. Mit einem Bioökonomie-Anteil von 16,4 % an der Gesamtwirtschaft nimmt Sachsen-Anhalt hinsichtlich des Umsatzes den Spitzenplatz ein. Absolut gesehen, führt Sachsen mit knapp 22 Milliarden Euro das Umsatzranking an. Es folgen Brandenburg (≈ 13 Mrd. €), Sachsen-Anhalt (≈ 11,7 Mrd. €) und Thüringen (≈ 9,2 Mrd. €).

Gegenüber dem Jahr 2013 bleiben die Unternehmens- und Beschäftigtenzahlen der biobasierten Wirtschaft in den betrachteten Ländern nahezu konstant. Ein leichter Anstieg der Umsatzzahlen konnte mit 2,6 Prozentpunkten lediglich in Sachsen festgestellt werden.[d] Neben den gesamtwirtschaftlich bedeutenden Branchen Handel, Verkehr, Gastgewerbe, Information und Kommunikation sowie den sonstigen Dienstleistungen, weisen die Bundesländer auch in den bioökonomisch-relevanten Wirtschaftszweigen Stärken auf. Beispielsweise bilden die Herstellung chemischer Erzeugnisse, die Getränkeherstellung sowie die Herstellung von sonstigen Nahrungsmitteln (Zucker, Süßwaren, Würzmittel etc.) Schwerpunkte des Landes Sachsen-Anhalt. Gleiches gilt für die Landwirtschaft, insbes. die Tierhaltung und gemischte Landwirtschaft. In Thüringen sind unter anderem die Herstellung von Kunststoffwaren und in Brandenburg die Bau- und Papierwirtschaft zentral. Maßgeblich für die sächsische Wirtschaft ist die Energieversorgung. Grundsätzlich sind sowohl die Landwirtschaft als auch die Energieversorgung in allen untersuchten Bundesländern von Bedeutung.


Über alle Wirtschaftszweige hinweg betrachtet, liegen die Bundesländer sowohl für den Indikator der Beschäftigtenzahlen als auch für den Umsatz über dem Bundesschnitt. Das lässt auf eine starke bioökonomische Basis in den Untersuchungsregionen schließen – und untermauert ihre Eignung für die Entwicklung von Modellregionen der Bioökonomie.


Um das bioökonomische Wirtschaftsgeschehen in den Revieren umfassend abbilden zu können, bedarf es detaillierter Analysen auf Landkreisebene. Diese werden demnächst ergänzt. Nach Möglichkeit werden auch regionsspezifische Anteile für die hybriden Wirtschaftszweige ermittelt, die nicht vollständig biobasiert sind. Ferner sollen auch Wirtschaftszweige berücksichtigt werden, welche die (technologische) Basis von Aktivitäten der biobasierten Wirtschaftszweige bilden, wie z.B. die Hersteller von Landmaschinen oder die IT-Branche. Damit wird es möglich, sowohl den direkten als auch den indirekten Umfang der Bioökonomie zu genauer zu bestimmen.

 


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Quellen 

[1]  Herberg, Jeremias; Kürtler, Konrad; Löw Beer, David (2019): Strukturwandel als Demokratiefrage. Der Lausitzer Kohleausstieg, ein Ausstieg aus der Transformationsblockade? In: Berliner Debatte Initial 30 (4), S. 113–124. Online verfügbar, zuletzt geprüft am 29.01.2021.

[2] Wirtschaftsregion Lausitz GmbH - Projekt Zukunftswerkstatt Lausitz (Hg.) (2020): Entwicklungsstrategie Lausitz 2050. Cottbus. Online verfügbar, zuletzt geprüft am 29.01.2021. 

[3]  Agora Energiewende (2017): Eine Zukunft für die Lausitz. Elemente eines Strukturwandelkonzepts für das Lausitzer Braunkohlerevier. Online verfügbar, zuletzt geprüft am 08.02.2021.

[4] Efken, Josef; Banse, Martin; Rothe, Andrea; Dieter, Matthias; Dirksmeyer, Walter; Ebeling, Michael et al. (2012): Volkswirtschaftliche Bedeutung der biobasierten Wirtschaft in Deutschland. Hg. v. Johann Heinrich von Thünen-Institut. Braunschweig (Arbeitsberichte aus der vTI-Agrarökonomie, 7).

[5] Iost, Susanne; Labonte, Naemi Tabea; Banse, Martin; Geng, Natalia; Jochem, Dominik Ivar; Schweinle, Jörg et al. (2019): German Bioeconomy: Economic Importance and Concept of Measurement. In: German journal of agricultural economics (GJAE) 68 (4), S. 275–288.

[6] Kuosmanen, T.; Kuosmanen, N.; El-Meligi, A.; Ronzon, T.; Gurria, P.; Iost, S.; M'Barek, R. (2020): How big is the bioeconomy? Reflections from an economic perspective. Luxembourg: Publications Office of the European Union (EUR, 30167).

[7] Ronzon, Tévécia; Piotrowski, Stephan; M’Barek, Robert; Carus, Michael (2017): A systematic approach to understanding and quantifying the EU’s bioeconomy. In: Bio-Based and Applied Economics 6 (1), S. 1–17.

[8]  Ronzon, Tévécia; Piotrowski, Stephan; Tamosiunas, Saulius; Dammer, Lara; Carus, Michael; M’Barek, Robert (2020): Developments of Economic Growth and Employment in Bioeconomy Sectors across the EU. In: Sustainability 12 (11), S. 4507.

[9]   Bringezu, S.; Banse, M.; Ahmann, L.; Bezama, N. A.; Billig, E.; Bischof, R. et al. (2020): Pilotbericht zum Monitoring der deutschen Bioökonomie. Kassel.

 

Anmerkungen 

[a]  Die Anteile basieren auf den Angaben bisheriger Studien. Aufgrund der schwierigen Abschätzung des genauen biobasierten Anteils wird eine Spanne verwendet, die zwischen einem Minimal-Anteil und einem Maximal-Anteil unterscheidet.

[b] Die Ergebnisse auf nationaler Ebene sind als vergleichbar mit vorangegangenen Berechnungen [5] [9] anzusehen.

[c] Neben Länderdaten aus der Umsatzsteuerstatistik (Voranmeldungen) wurde auf Daten der Bundesagentur für Arbeit zurückgegriffen.

[d] Deutschland verzeichnete, wie Thüringen, ein Minus von rund einem Prozentpunkt. Sachsen-Anhalt wies ein Minus von 3,5 Prozentpunkten auf. Für Brandenburg liegt keine valide Datenbasis vor.